Die Hure Babylon

 Dieses Bild in Offenbarung 17,1 verkörpert diejenigen, die geistlich auf Erden wohnen, im Unterschied zu den wahrhaft Gläubigen, die schon jetzt zum himmlischen Jerusalem (Hebr. 12,22) gekommen sind.* Die Himmelsferne und die Verwurzelung in unserer sündigen Welt hat zur Folge, daß das Gotteswort nach den Erfordernissen innerkirchlicher Machtmaximierung zurechtgebogen wird. Durch die Verstümmelung des Gotteswortes wird auch die Verfolgung vermieden, die die Apostel erlitten hatten, die Jesus seinen Nachfolgern vorhergesagt hat (Joh. 15,20) und die die ersten Christen auch erfahren haben, als sie im römischen Zirkus den wilden Tieren vorgeworfen wurden. Was man bei den Verfälschungen des Gotteswortes an Charakterlosigkeit und Heuchelei erleben kann, ist mit dem vergleichbar, was in der Politik gang und gäbe ist. So haben die amerikanischen Präsidenten Roosevelt und Truman zusammen mit dem Massenmörder Stalin eine Art „letztes Gefecht“ gegen den Teufel Hitler zur Errichtung einer ewigen Friedensära der Demokratie, der Glaubensfreiheit und der Menschenrechte geführt. Allein dieses Beispiel zeigt, was Politiker von ihrem eigenen Geschwafel in Wirklichkeit halten. Wie sich Staatsmänner scheinheilig für Demokratie und Menschenrechte ereifern, so ereifern sich die amerikanische Wisconsin Evangelical Lutheran Synod (WELS) und die Evangelisch-Lutherische Freikirche in Deutschland für die Reinheit des rettenden Evangeliums. Um die Gottesbotschaft unverfälscht zu erhalten, wird Irrlehrern die kirchliche Gemeinschaft verweigert. Sind die kirchenpolitischen Erfordernisse aber anders, so treten die Kirchenfürsten der WELS und der Lutherischen Freikirche die Reine Lehre ebenso mit Füßen, wie z. B. amerikanische Präsidenten die Menschenrechte mit Füßen treten.

Dies wurde durch einen Streit innerhalb der WELS deutlich. Zu diesem Streit schrieb ich am 13.3.1989 an den damaligen Präses der WELS. Doch mein Brief blieb bis heute unbeantwortet. Später schickte ich den Brief an alle Pastoren der Lutherischen Freikirche. Deren damaliger Präses, Pastor Gerhard Wilde, sagte mir, daß es ihn nichts anginge, wenn ich ein Lehrproblem mit der WELS habe. Irrlehre in einer amerikanischen Schwesterkirche geht also die Zeloten der “Reinen Lehre” auf einmal nichts an! Sollte die Glaubensfrage aber in Zukunft entweder von irgendjemandem in der WELS oder in der Lutherischen Freikirche beantwortet  werden, dann will ich die Antwort auf dieser Internetseite veröffentlichen. Denn in der Gemeinde darf es keine Geheimlehren geben. Doch sollte sie auch in Zukunft auch weiterhin unbeantwortet bleiben, dann würde dies zeigen, wie unwichtig Kirchenfürsten die Lehre in Wirklichkeit nehmen, daß sie Irrlehre lediglich für irgendwelche kirchenpolitischen Intrigen instrumentalisieren, sie ihnen ansonsten aber ebenso gleichgültig ist wie unseren Politikern deren eigenes Geschwafel.

Im folgenden soll mein damaliger Brief an den Präses der Wisconsin-Synode wiedergegeben werden.

Ein weiterer Mißstand ist, daß sich im Altarraum auch der meisten WELS-Kirchengebäude die blutbeschmierte US-Fahne befindet. Zu diesem Mißstand habe ich einen Artikel für das Quartalsblatt, das vom Dozentenkollegium des theologischen Seminars der WELS herausgegeben wird, verfaßt. Da aber eine Veröffentlichung abgelehnt wurde, publizierte ich ihn in der Zeitschrift The Christian News. Auch dieser Zeitschriftenartikel vom 27. Juli 1987, S. 17 soll hier wiedergegeben werden.

 

* Diese Sicht von Offenb. 17 vertritt Earl Wesley Morey (Our God Reigns. A Guide to Understanding Revelation, 2003, S. 238 [Xulon Press, 10640 Main Street, Suite 204, Fairfax, VA 22030; (730) 934-4411; XulonPress.com]). Dagegen gilt in der traditionellen Auslegung die Römisch-Katholische Kirche und die geistlich verkommenen protestantischen Großkirchen als die Hure Babylon. Doch dagegen spricht aber, daß es in der Bibel nicht um Organisationen im Sinne von Vereinen geht, sondern um geistliche Zugehörigkeiten. Daher kann auch jemand der Hure Babylon angehören, auch wenn er eine Mitgliedschaft in der Römisch-Katholischen Kirche oder in einer offenkundig christusfeindlichen protestantischen Großkirche verabscheut.

 

Brief an den damaligen Präses der amerikanischen Wisconsin Evangelical Lutheran Syonod (WELS)

(Eine englische Übersetzung dieses Briefes ist vorhanden)

 

Erlangen, den 13.3.89

Sehr geehrter Herr Pastor Mischke!

Sie wissen, daß es in Westdeutschland keine lutherische Kirche mehr gibt und ich mich deshalb der WELS angeschlossen habe. Und nun muß ich in einem offenen Brief von Pastor Trapp vom 18.August 1988 lesen, daß es unter bestimmten Umständen Sünde sein könnte, zur WELS zu gehören. Trapps Aussagen lassen befürchten, daß die WELS ebenso untergeht, wie die lutherische Kirche in einem Teil Deutschland untergegangen ist. Auf die bereits abgeschlossene Geschichte der lutherischen Kirche Westdeutschlands können wir heute so zurückblicken, wie bei einer Beerdigung die Hinterbliebenen im Rückblick erkennen können, welches die Frühstadien der Krankheit waren, die inzwischen zum Tode geführt hat.

Der kirchliche Verfall war nicht nur durch Lehrabweichungen gekennzeichnet, sondern auch vom Versagen auf dem Gebiet der Heiligung. Um so schmerzlicher ist es besonders für mich als Betroffenen erfahren zu müssen, daß inzwischen sogar schwere Beschuldigungen gegen leitende Persönlichkeiten der WELS erhoben werden.

Da alle Schrift uns auch zur Sündenerkenntnis und zur „Erziehung in der Gerechtigkeit“(2.Tim. 3,16) gegeben ist, sollten wir die biblischen abschreckenden Beispiele für den Unheilsweg nie aus den Augen verlieren. Die Pharisäer sind in den Kampf gegen ihren eigenen Messias nur langsam hineingeschliddert. Dieser Kampf war so ungeheuerlich und so einmalig, daß er in der späteren Geschichte ohne Parallelen bleibt. Dennoch tuen wir gut daran, uns die ganze Ungeheuerlichkeit der damaligen Vorgänge zur Abschreckung vor Augen zu führen, damit wir selbst keinen einzigen Millimeter auf dem Unheilsweg gehen, den die Pharisäer vor uns beschritten haben.

Dabei waren die Pharisäer im Unterschied zu den Sadduzäern keine liberalen Theologen, die die Auferstehung leugneten. Paulus brauchte nur dieses Reizwort zu nennen, uns schon brach ein Streit zwischen Pharisäern und Sadduzäern aus (Apg. 23,6-10). Paulus bescheinigt ihnen, daß sie Eiferer sind (Rom. 10,2). Und Jesus sagt zum Volk: „Alles nun, was sie (die Schriftgelehrten und Pharisäer) euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun; sie sagen´s wohl, und tun´s nicht“ (Matth. 23,3). Nach Jesu Worten waren die Pharisäer also Übeltäter mit reiner Lehre.

Andererseits warnt Jesus auch die Jünger vor dem Sauerteig der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer (Matth. 16,6.12). Die Pharisäer hatten nicht wirklich verstanden, daß es Gott allein ist, der  sein Reich ausbreitet; sondern sie schrieben ihren eigenen Aktivitäten erhebliche Bedeutung zu. In der Tat waren sie sehr aktiv. Jesus bescheinigt ihnen Missionseifer (Matth. 23,15). Doch dadurch, daß sie in Gott nicht den Alleinhandelnden sahen, der lediglich  durch Menschen wirkt, standen sie in der ständigen Versuchung, durch ihre Aktivitäten das Reich Gottes aufbauen zu wollen. Sie standen in der Versuchung, dem Reich Gottes dadurch wirksamer dienen zu wollen, daß sie ein wenig von den Wegen Gottes abweichen. Der Zweck mußte also die Mittel heiligen. Welche üblen Früchte diese ethische Weichenstellung hervorbringen kann, zeigen die kirchenpolitischen Aktivitäten, durch die die damalige Kirchenleitung die Kreuzigung Jesu bewirkt hatte. Die Entscheidung, ihn zu töten, war gefallen, nachdem Jesus Lazarus auf erweckt hatte (Joh. 11,53).Ein wesentliches Mordmotiv war auch die Sorge, daß ihr persönlicher Einfluß abnehmen würde (Job. 11,47f). Da wegen Lazarus viele Juden an Jesus glaubten, wollten Jesu Gegner sogar den Lazarus töten(Joh. 12,10f). Hier wird offensichtlich, daß zu der grundsätzlichen Bereitschaft, dem Reich Gottes durch teilweises Verlassen der Wege Gottes zu dienen, auch eindeutig allzumenschliche Motive hinzukamen.

Die Sachentscheidung gegen Jesus war gefallen. Die damalige Kirchenleitung hatte das kirchenpolitische Ziel vor Augen, die lästige Konkurrenz und den unbequemen Bußprediger loszuwerden. Selbst die vermeintliche Gesetzestreue der Hohenpriester hatte diese nicht daran gehindert, den Judas zu Handlungen zu ermuntern, die sie selbst als Sünde gewertet haben (Matth.27,6).

Ein deutsches Sprichwort sagt: Wer dem Teufel den kleinen Finger gibt, dem nimmt er die ganze Hand. Die damalige Kirchenleitung war bereit, durch kleine Sünden dem zu dienen, was sie für die Sache Gottes hielt. Trotz äußerlicher Gesetzestreue gerieten Jesu Gegner dabei in immer mehr und größere Sünden. Um sich nicht zu verunreinigen, konnten sie nicht zu Pilatus ins Richthaus kommen (Joh. 18,28). Aber das vermeintliche Zentrum ihres Glaubens, und zwar den Messiasglauben, den konnten sie verleugnen. Denn die Hohenpriester sagten zu Pilatus: „Wir haben keinen König denn den Kaiser“ (Joh. 19,15).

Jesu Gegner hatten sich in ihrer geistlichen Blindheit so sehr verrannt, daß nicht einmal die Häufung außergewöhnlicher Ereignisse (Sonnenfinsternis, Vorhang im Tempel zerriß, Verstorbene verließen ihre Gräber) in der Todesstunde Jesu sie veranlassen konnte, ihren Weg zu überdenken

Nachdem ihnen dann später nicht etwa von den Jüngern, sondern von Heiden, und zwar von den römischen Soldaten, verkündet worden war, daß Jesus auferstanden ist (Matth. 28,11f), da war offensichtlich, daß Gott selbst das Todesurteil revidiert hat. Dennoch haben sie nicht Buße getan. Im Gegenteil: Um die inzwischen offensichtliche Sündhaftigkeit ihres Tuns zu verbergen, bestachen sie die heidnischen Soldaten, daß sie die Jünger verleumden, sie hätten Jesu Leib gestohlen (Matth. 28,13). Die Vorgänge um die Kreuzigung Jesu sollten alle späteren Kirchenleitungen warnen, den Unheilsweg überhaupt erst zu betreten.

Jesus zeigt eine Kontinuität der Pharisäer zu den Prophetenmördern (Matth. 23,29-33). Auch die heutigen Ausbrüche aus dem Schmalen Weg befinden sich in der Kontinuität zur späteren Kirchengeschichte. Selbst die Reformatoren konnten – vergleichbar mit den Pharisäern – nicht der Versuchung widerstehen, dem Reich Gottes dadurch dienen zu wollen, daß sie wenigstens etwas die Wege Jesu verlassen. Luther hatte die biblische Zweireichelehre entdeckt. Von daher war er ein Gegner des Ketzerprozesses (WA 51, S.184f). Doch im Widerspruch dazu hatte er die weltliche Obrigkeit ermuntert, die Synagogen, in denen Jesus unbestreitbar gelästert wurden anzuzünden (WA 53 S. 523). Melanchthon schrieb, die Obrigkeit solle Wiedertäufer mit dem Schwerte strafen, und Luther fügt hinzu: „Placet mihi Martino Luthero“ (Corpus Reformatorum IV,737-740). Es war im Sinne des Lutherschülers Flacius, daß dessen theologischer Widersacher Striegel eingesperrt worden ist. So sündhaft begann die Reformation, die von den heutigen Lutheranern so sehr glorifiziert wird.

Vor der Reformation gab es eine Staatskirche. Diese war in den Köpfen der Menschen so tief verwurzelt, daß sie auch nach der Reformation weiterbestand. Sowohl politische Führungen als auch die Kirchenleitungen unterstützten die Bosheit des jeweils anderen. Politiker verfolgten Ketzer, Pfarrer glorifizierten die Schandtaten von Politikern, zumindestens unterließen sie häufig die Kirchenzucht an den Fürsten, die ja zugleich Gemeindeglieder waren. Waren bei Luther die Fürsten Notbischöfe, so hatten in späterer Zeit Theologen die Zweireichelehre so zurechtgebogen, daß sie mit den sich eingeschlichenen Mißständen vereinbar war. Schon in der Vorrede zur Konkordienformel kann man lesen, es sei Aufgabe der Obrigkeit, daß den „falschen vorführischen Lehren gesteuret“ (BSLK 743, 39-49) werde.

Ähnlich wie die Staatskirche bestand auch die Idee des Papsttums in den Köpfen der Menschen fort. Luther hatte richtig erkannt, daß das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet ist. Doch er konnte nicht verhindern, daß entgegen Jesu Wort „Einer ist euer Meister“ (Matth. 23,8) er selbst schon zu seinen Lebzeiten und erst recht nach seinem Tode als Erkenntnisquelle mißbraucht worden ist. Später kamen noch die Bekenntnisschriften und weitere Theologen hinzu. Die Bekenntnisschriften wurden weitgehend als Brille missbraucht, durch die die Bibel gelesen wurde.

Dieser Mißstand wird in neuester Zeit durch folgendes Kuriosum offensichtlich: Viele „Lutheraner“ grenzen sich gegen kleinere reformierte Irrlehren, die in den Bekenntnisschriften verworfen werden und die man mit Mücken vergleichen kann, ab. Aber sie verschlucken die Kamele der Bibelkritikt, gegen die sich die Bekenntnisschriften angeblich nicht abgrenzen. Was bei den Katholiken das Lehramt des Papstes ist, ist bei den „Lutheranern“ der Mißbrauch (norma normans) der Bekenntnisschriften.

Natürlich verbreitet der Papst in Rom Irrlehre, der Papst der „Lutheraner“ verkündet hingegen den biblischen Heilsweg. Doch das römische Papsttum ist nicht nur wegen dessen Irrlehren verwerflich, sondern  auch deshalb, weil es der Autorität Jesu die eigene Autorität zur Seite stellt. Die Lutheraner hatten die Institution des Papsttums leidenschaftlich abgelehnt, waren aber in der Denkweise des Papsttums so befangen, daß sie faktisch sehr bald ein Alternativpapsttum aufrichteten.

Staatskirchentum und Papsttum bestanden also in den Köpfen der Lutheraner fort. Beides galt jedoch nicht mehr weltweit, sondern blieb auf den Machtbereich einzelner Fürstentümer beschränkt. Die Konkordienformel galt als Staatsgesetz und wurde von Politikern unterschrieben. Im Jahre 1581 wurden in Wittenberg zwei Medizinprofessoren, zwei Juraprofessoren und ein Mathematikprofessor entlassen, weil sie die Konkordienformel nicht unterschrieben hatten.

Am Ende der Vorrede zur Konkordienformel wird unter anderem das „heilsame Mittel“ einer Druckzensur empfohlen. Und in der Konkordienformel (Epitome XII2 und SD XII9) kann man lesen, daß die Irrlehren der Wiedertäufer „weder in der Kirchen noch in der Polizei und weltlichem Regiment noch in den Haushaltungen zu dulden noch zu leiden“ seien. In diesem Sinne sind keineswegs nur politische Aufrührer, sondern auch friedliebende Wiedertäufer von „lutherischen“ Obrigkeiten hingerichtet worden. Allerdings muß entlastend hinzugefügt werden, daß es nicht primär darum ging, Wiedertauf er zu töten. Man wollte sie vielmehr zur Auswanderung bewegen. „Lutherische“ Theologen hatten einem derartigen Tun häufig ein Mäntelchen der Frömmigkeit umgehängte und das trotz der Zweireichelehre.

Jesus kritisiert an den Pharisäern, daß sie durch die Aufsätze der Altesten die Gebote Gottes aufgehoben haben (Markus 7,1-13). „Lutherische“ Theologen taten vergleichbares. Sie haben die Lehre so zurechtgebogen, daß der Schmale Weg ganz erheblich verbreitert worden ist. So konnten sie ein Volkskirchentum aufbauen, das alle Einwohner des Landes erfaßt.

Sie hatten in der Tat erreichte, daß ihre kirchliche Verkündigung zu jedem Einwohner drang. Doch darf der Zweck wirklich die Mittel heiligen? Ist es Gott wohlgefällig, sein Reich dadurch aufbauen zu wollen, daß man die Wege Jesu verläßt?

Hand in Hand mit Bluttaten und entsetzlichen Sünden im Bereich der Ethik gab es auch auf dem Gebiet der Dogmatik eine Zunahme des Sauerteiges. Die Fehlentwicklung begann schon zu Lebzeiten Luthers. Ein verhängnisvoller Einfluß ging von Melanchthon aus. Dieser war Humanist. Er wollte die Welt verbessern, er wollte die Tugend fördern. Die Ursache für die Mißstände in der Kirche sah er in einem Verfall der Wissenschaften. Durch Wissenschaft und Bildung wollte er die Menschen verbessern. Er wollte zurück zu den „reinen Quellen“, sowohl zu den heidnischen als auch zu den christlichen.

Im Unterschied zu Luther hatte Melanchthon keine Anfechtungen durchgemacht. Ohne die inneren Kämpfe des Reformators selbst durchlitten zu haben, hatte er die reformatorische Erkenntnis lediglich übernommen. In diesem äußerst wesentlichen Unterschied ist die Ursache für die anderen Unterschiede zwischen Luther und Melanchthon zu sehen. Für Melanchthon war die umstürzende reformatorische Neuentdeckung nicht die Gewißheit der Sündenvergebung, sondern die Ermöglichung der wahren Tugend.

Melanchthon hatte die von Luther übernommene Lehre rationalistisch verengt. Bei Melanchthon ist Glaube, beständig jedem Wort Gottes zuzustimmen. Die Zustimmung, die in Luthers Glaubensverständnis gewiß nicht fehlt, wird bei Melanchthon zentral. So gewinnt der Glaube einen intellektualistischen Zug. Zwischen dem Glauben als Zustimmung und dem Glauben als Vertrauen auf die in Christus verheißene göttliche Barmherzigkeit hat Melanchthon theologisch keine Verbindung herzustellen vermocht.

Wir haben somit schon bei Melanchthon Ansätze für die spätere Reduktion des Glaubens auf Lehre. Es ist sicher nicht zufällige, daß nicht Luther, sondern Melanchthon die erste lutherische Dogmatik verfaßt hat. Mit Melanchthon begann die Tendenz im Luthertum, die biblische Botschaft in ein rationales System von Dogmen zu fassen.

Davon blieb auch die Rechtfertigungslehre nicht verschont. In tiefster Anfechtung durfte Luther erkennen, daß die in Jesu Tod geschehene Rechtfertigung nicht durch sein Versagen auf dem Gebiet der Heiligung in Frage gestellt wird. Die biblische Erkenntnis, daß Rechtfertigung und Heiligung zu unterscheiden sind, hat man in ein rational durchstrukturiertes dogmatisches System eingefügt. Die von Gott geschenkte Rechtfertigung ist unabhängig vom Grad der erreichten Heiligung. Die Rechtfertigung hat aber die Heiligung zur Folge. Diese Denkweise könnte  man durch das Bild einer Lokomotive, die einen Waggon zieht, veranschaulichen. In diesem Bilde entspräche die Lokomotive der Rechtfertigung, der Waggon entspräche der Heiligung. Das Mißverständnis liegt sehr nahe, daß, so wie die Lokomotive auch ohne Anhänger eine Lokomotive bleibt, die Rechtfertigung auch dann erhalten bleibt, wenn die Heiligung abgekoppelt ist. Oder stimmt es etwa nicht, daß wir uns die ewige Seligkeit nicht durch die Werke der Heiligung verdienen können?

Melanchthon hatte Luthers Erkenntnis in eine neue Form gebracht. Dadurch konnte sie im kirchlichen Unterricht besser vermittelt werden. Doch die Kehrseite ist, daß etwas von der biblischen Wahrheit verlorengegangen ist. Melanchthon hatte übersehen, daß Rechtfertigung nicht nur ein forensisches Urteil ist, sondern auch eine sanative Dimension hat.

Die Erkenntnis, daß Rechtfertigung nicht nur forensisch ist, ist das Wahrheitsmoment der Position Osianders in den Streitigkeiten nach Luthers Tod. Das hatten weder Melanchthon noch Flacius erkannt. So konnten sich die Abweichungen vom exegetischen Befund verheerend auswirken. Wenn die Rechtfertigung durch Jesu Blut, durch die allein wir selig werden, nicht von der Heiligung abhängt, dann besteht die Gefahr, daß die Heiligung unterschwellig als überflüssig empfunden wird.  Es bedarf nur geringer Verbiegungen, um die Rechtfertigungslehre zu einem Ablaß für kleinere Sunden, die man auch weiterhin begehen will, umzufunktionieren.

Die geistige Entwicklung nach Luthers Tod lief auf den Rationalismus hin. Die Reformierten schöpften schon seit Zwingli  und Calvin aus der Ratio Glaubensaussagen, zum Beispiel, daß im Abendmahl das Endliche das Unendliche nicht fassen könne. Die Lutheraner waren bemüht, der rationalistischen Zeitströmung zu widerstehen, waren aber selbst in ihr verfangen. So hatten sie als Alternative ein rational durchstrukturiertes System von Dogmen. Zwar wurden die Dogmen zumindest subjektiv der Bibel entnommen, doch man verlor die Mentalität, von der Exegese her zu denken und zu empfinden. Wie ein Mathematiker mit Formeln umgeht und aus mathematischen Wahrheiten weitere Erkenntnisse gewinnt, so dachten auch Theologen in Lehrformulierungen und leiteten aus Lehrsätzen weitere Lehrsätze deduktiv ab. So konnte man dem Rationalismus ein rational durchstrukturiertes und in sich geschlossenes System der Bibellehre entgegenstellen. Doch der Nachteil war, daß die Bereitschaft und die Fähigkeit, den Bibelbefund induktiv immer wieder neu zu erschließen, verkümmerten. So blieben auch die Ungenauigkeiten in der Rechtfertigungslehre erhalten. Diese wurden vielmehr durch die Mentalität des Papsttums konserviert.

Mehr und mehr wurde Glaube auf die Zustimmung zu den orthodoxen Lehrsätzen reduziert. Im Leben, in der Heiligung, sind und bleiben wir allzumal Sünder. Aber wir werden nicht durch Werke, sondern allein durch Glauben gerecht. Deshalb muß die Lehre rein sein. Und Glaube wurde weitgehend reduziert auf Zustimmung zu einzelnen Lehrsätzen. Jemehr diese Lehrsätze zu toten Formeln erstarrten, um so geringer wurde der Widerstand gegen unchristliche Glaubensinhalte. Falsche Lehre und Gottloses Leben wucherten in der Führungsschicht der „lutherischen“ Kirche.  Hurerei unter Theologiestudenten, die später selbstverständlich Pastoren wurden, war am Ende des 18. Jahrhunderts eher die Regel als die Ausnahme. Pastoren unterstützten die Sünden von Gemeindegliedern, die innerhalb ‚des Reiches zur Linken Fürsten waren. Vom Kirchenausschluß beharrlicher Sünder konnte keine Rede sein; nicht einmal Kirchenaustritt war möglich. Daß im 19. Jahrhundert in Deutschland die Sozialdemokratie mit ihren christentumsfeindlichen Tendenzen unter den Arbeitern so viel Anhang finden konnte, hatte seine Ursache auch darin, daß viele Pastoren das unchristliche Verhalten von Kapitalisten unterstützten. Sie wollten sich mit denen gutstehen, von deren materiellem Überfluß auch für sie persönlich etwas abfiel. Der Niedergang der „lutherischen“ Kirche war sowohl durch falsche Lehre als auch durch unchristliches Leben gekennzeichnet. Zwischen beiden bestand ein innerer Zusammenhang.

Die Mißstände in Theologie und Kirche veranlaßten im vorigen Jahrhundert in Sachsen 800 Menschen, in Missouri einen neuen kirchlichen Anfang zu wagen. Theologisch knüpften sie an die Tradition der lutherischen Orthodoxie an, was auch zur Folge hatte, daß gewisse Fehler übernommen wurden, die im Luthertum Deutschlands schon etabliert waren. Eine Schwachstelle in der lutherischen Orthodoxie war die Mentalität des Papsttums. In diesem Sinne haben Franz Pieper und Walther sich beständig auf Luther und auf die orthodoxen Theologen berufen. Nach ihrem Tode wurden auch sie zu Päpsten, die dann von anderen zitiert werden konnten.

Unter dem Einfluß von Missouri entwickelte sich die WELS zu einem orthodoxen Kirchenkörper. Doch die Krankheiten, an denen das Luthertum seit der Zeit Luthers krankte, waren nicht überwunden. Das sollte sich in der Protes´tant Controversy zeigen. Glaube wurde zu sehr intellektualistisch auf Zustimmung zu den Paragraphen der rechtgläubigen Dogmatik eingeengt. Man verlor zu sehr aus dem Blickfelde, daß zum Glauben ja auch Jesusnachfolge gehört. Man hatte nicht gemerkt, daß die orthodoxen Väter in ihrer berechtigten Polemik gegen die römische Werkgerechtigkeit der Tatsache nicht genügend Rechnung getragen haben, daß Jesus immer wieder vom tun des göttlichen Willens spricht (z.B.: Matth. 5,19; 7,2l; 25,40; Luk. 8,21; Joh. 3,21; 13,17; 1.Joh. 2,17). Man war sich nicht voll bewußt, daß ohne die Heiligung niemand den Herrn sehen wird (Hebr. 12,14). Das Wesen des Christseins ist doch nicht ein gedächtnismäßiges Erfassen sämtlicher Paragraphen von Piepers Dogmatik, sondern zum Christsein gehört, ganz in Jesu Lebenslauf eingehen: mit Jesus sterben, mit Jesus begraben werden, mit Jesus das Auferstehungsleben der christlichen Heiligung führen (Röm. 6,1ff). Diese Dimension des Glaubens scheint in der WELS-Verkündigung zu kurz gekommen zu sein. Denn sonst wären 1924 in Watertown nicht Schüler einer WELS-highschool wiederholt und gemeinschaftlich auf Diebestour gegangen.

Diesen Skandal hatte Pastor Beitz im Blick, als er auf einer Pastorenkonferenz  folgendes Referat hielt: „God’s Message to Us In Galatians: The Just Shall Live By Faith.“ In diesem Referat wendet er sich gegen eine sachliche Trennung von Rechtfertigung und Heiligung (Hensel S.2).

Er schreibt: „The law can not bring about justification nor sanctification. Yes, it can add absolutely nothing to justification. Yes, it can add absolutely nothing to sanctification, for the JUST SHALL LIVE BY FAITH. The JUST – the believers, the Christians – SHELL LIVE – have life by FAITH in HIM that has made them ‚just.‘ The Christian is sanctified by the same means that justifies him. We find LIFE both justification and sanctification, at the foot of the Cross“ (Hensel S.2).   „You will find repentance at the foot of the Cross“ (Hensel S.11).

Pator Beitz hatte in seinem Konferenzpapier behauptet, die Vertreter des kirchlichen Establishments hätten Fehler begangen und hätten gesündigt. Einen derartigen Vorwurf wollte man nicht ertragen. Deshalb mußte Beitz exkommuniziert werden. Dazu mußte man ihm aber Irrlehre nachweisen. Da man offensichtlich keine andere „Irrlehre“ fand, wurde der Satz „You will find repentance at the foot of the cross“ als Irrlehre hingestellt (Gutachten, Hensel S.63).

Nur derjenige kann diesen Satz als Irrlehre werten, der nicht von der Exegese her denkt, sondern der mit Lehrformeln so umgeht wie ein Mathematiker mit mathematischen Formeln. Die theologisch-mathematische Herleitung wäre in folgender Weise möglich:

Kreuzespredigt=Evangeliumspredigt
Daraus folgt:
Kreuzespredigt ǂ (ungleich) Gesetzespredigt

Da man offensichtlich nicht die Wortbedeutung griechischer Vokabeln, wie zum Beispiel die von metanoia, untersucht hat, sondern in der deutschen Formelsprache dachte, meinte man:

Bußpredigt=Strafpredigt=Gesetzespredigt

Wenn Kreuzespredigt ǂ(ungl.) Gesetzespredigt, dann Kreuzespredigt ǂ (ungl.) Bußpredigt.

Daraus folgt: Wer sagt, daß die Buße (repentance) am Fuße des Kreuzes gefunden wird, der ist ein Irrlehrer. Somit ist Beitz ein Irrlehrer.

Um dies zu begründen, hatte man auf Aussagen der Konkordienformel (F.C. V u. VI) hingewiesen, nicht aber auf Röm. 2,4, wo es heißt: „Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur metanoia (Buße, repentance) führt?“ Man hatte auch nicht danach gefragt, ob der Schächer, der mit Jesus zusammen gekreuzigt wurde (Luk. 23,42f), am Fuße des Kreuzes oder anderswo die repentance gefunden hat. Dies zeigt erneut, daß sich die theologische Arbeit zu wenig um die Erforschung des Bibelwortes gekümmert hat.

Mir ist nicht bekannt, daß die Verwerfung des „Gutachtens“ von der Fakultät oder von WELS-Kirchenleitungen jemals öffentlich als sachlich falsch hingestellt worden ist. Im Gegenteil, ein WELS-Pastor wertete noch im Jahre 1978 das „Gutachten“, in dem bestritten wird, daß repentance am Fuße des Kreuzes gefunden wird, als „Scriptural“ (Mark A. Jeske: A HALF CENTURY OF FAITH-LIFE, S.23).

Daraus könnte man schlußfolgern: Die WELS verwirft folgende Lehre: Repentance is found at the foot of the Cross. Ich habe viele WELS-Pastoren gefragt, ob repentance am Fuße des Kreuzes gefunden wird oder nicht. Sie antworteten Mir: Wo soll sie denn sonst gefunden werden, wenn nicht dort? Und in einer Predigt, die im März 1989 vom „Special Ministries Board“ verschickt worden ist, schreibt Prof. Wayne Mueller: „Yet Luther himself would not have objected to calling Lent the season of repentance. For it is at the foot of the cross that we learn above all how terrible and punishable our sins are, and at the same time how infinitely loving and forgiving our Savior God is.“ Offensichtlich beabsichtigt niemand, an diesen Pastoren Lehrzucht zu üben. Somit scheint deren Lehre innerhalb der WELS toleriert zu werden. Dieses Durcheinander in Lehrfragen kann nur in dem Sinne verstanden werden, daß die Lehre nach kirchenpolitischen Erfordernissen zurechtgebogen worden ist.

Die Frage, wie das Kreuz Jesu zu verstehen ist, ist für die ewige Seligkeit von großer Bedeutung. Deshalb bitte ich Sie zu veranlassen, daß WELS-Gremien (Fakultät, Kirchenleitungen …) von den Dächern (Matth. 10,27) verkünden, ob repentance am Fuße des Kreuzes gefunden wird oder nicht. Meine Frage ist nicht, ob der inzwischen verstorbene Pastor Beitz ein Irrlehrer war; sondern meine Frage ist, ob die Aussage „repentance is found at the foot of the Cross“ Irrlehre ist oder aber zum unveränderlichen Evangelium gehört, von dem kein Jota abgestrichen werden darf. Ich könnte mich unter keinen Umständen damit abfinden, daß diese zentrale Frage unbeantwortet bleiben sollte.

Das Papier von Pastor Mark Jeske zeigt auch noch eine andere lebensbedrohende Krankheit der WELS. In S.31 lesen wir: „Whether or not the suspensions (von Beitz Sympathisanten) were just, though, they were approved formally on three separate occasions by the vote of a considerable majority, and as such deserved to be recognized as authoritative within synodical membership.“ Und in S. 21 schreibt Pastor Jaske: „In case after case, the individual Protes’tants knew who the brethren were that were under discipline and knew that the District (rightly or wrongly) forbade pulpit and altar fellowship on pain of suspension, and in case after case they deliberately flaunted their fellowship involvement with disciplined Protes’tents, …“ Richten Päpste und kirchliche Entscheidungsgremien die Kirchengemeinschaft auf oder aber das Wort Gottes? Wenn das Wort Gottes über Kirchengemeinschaft entscheidet, dann dürfen kirchliche Beschlüsse nur dann befolgt werden, wenn sie dem Wort Gottes entsprechen. Die Zitate zeigen, daß die Mentalität des Papsttums Reformation und lutherische Orthodoxie überdauert hat und auch in der WELS fortbesteht.

Darauf, daß die WELS nicht völlig frei von der Mentalität des Papsttums ist, deuten auch die Dogmatikunterlagen hin. die den Theologiestudenten ausgehändigt werden. Diese sind voll von lateinischen und deutschen Zitaten rechtgläubiger Theologen. Wäre die Bibel wirklich die einzige Erkenntnisquelle, dann hätte der Nachweis, daß die einzelnen dogmatischen Aussagen mit denen der Tradition übereinstimmen, für die sachliche Richtigkeit keine Bedeutung.

Die Mentalität des Papsttums und die Verbreiterung des Schmalen Weges der christlichen Heiligung sind die beiden lebensbedrohenden Krankheiten auch innerhalb der WELS. Die biblische Zweireichelehre braucht man nur geringfügig zu verbiegen, und der Schmale Weg ist ganz erheblich verbreitert. Lutheraner aus verschiedenen Erdteilen stehen in voller Kirchengemeinschaft, wenn sie sich in allen Lehrfragen völlig einig sind. Sie sind Bürger ein und desselben Gottesreiches. In ihrer Funktion jedoch als Waffenträger innerhalb des Reiches zur Linken schießen sie aufeinander, ohne daß dies die Kirchengemeinschaft im Reich zur Rechten irgendwie in Frage stellen könnte. Denn im Unterschied zu den Zeugen Jehovas und anderen Irrlehrern, die sich nicht gegenseitig umbringen, verwirf man ja die Vermischung der beiden Reiche.

Man beruft sich also auf die Zweireichelehre, wenn sie hilfreich ist, den schmalen Weg zu verbreitern. Doch im Widerspruch zur Zweireichelehre organisierten Gemeinden während des ersten Weltkrieges Liberty Loan drives (Jeskes Papier, S.4). Die Zweireichelehre hatte es auch nicht verhindert, daß ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Ersten und mit dem Zweiten  Weltkrieg die US-Fahne in WELS-Kirchgebäude kam. The Christian News (July 27,1987,page 17) hat von mir einen Artikel zu dieser Problematik veröffentlicht. Doch bisher hat niemand von der Fakultät in Mequon mir mitgeteilt, was an jenem Artikel falsch ist. Prof. Schuetze sagte nur, er sei „Dummheit“, ohne dies aber näher zu begründen. Ich habe zustimmende Briefe erhalten, nicht nur von Nicht-WELS-Leuten.

Wenn es sogar WELS-Pastoren gibt, die meine „Dummheit“ nicht Erkennen, dann sollte dies für die Fakultät eine Ursache sein, meine vermeintlichen Irrtümer aufzuzeigen und zu veröffentlichen. In Deutschland sind Theologieprofessoren in der Lage, ihre Positionen in kontroversen Gesprächen zu vertreten. Warum können WELS-Professoren das nicht? Vielleicht stimmen sie innerlich mir sogar zu, fürchten aber die Konsequenzen, die eine öffentliche Zustimmung nach sich ziehen müßte. So nimmt man es eben hin, daß der Schmale Weg verbreitert wird. Wiederholt (l.Sept. 1984; Juli 1986) wurden im Northwestern LutheranLeserbriefe abgedruckt, die die Fahne in der Kirche befürworten, ablehnende Leserbriefe jedoch nicht.

Daß die Zweireichelehre zu wenig im Bewußtsein ist, zeigt auch die Tatsache, daß folgende rein politische Aussagen in Kirchenzeitungen veröffentlicht worden sind: „good United States“ (Northwestern Lutheran, 24. Dez. 1944, S. 176); Amerika ist „the best country in the  worid!“ (Northwestern Lutheran, Juli 1985, S. 236). „Like thousands of others with deep Norwegian roots, in America as in other countries, he had volunteered to fight when the light of democracy flickered and died in Europe. Many of them gave their lives for the sake of our freedom. We are deeply indebded to all of them“ (Lutheran Sentinel, Febr. 1985, S. 10). Das letzte Zitat aus einer ELS-Kirchenzeitung glorifiziert die Jugendsünden eines heutigen ELS-Pastors, der vom Flugzeug aus Feuer vom Himmel hat regnen lassen auf seine Glaubensschwestern und deren Kinder.

Die Geschichte der lutherischen Kirche ist voll von Beispielen, wie Theologen – ähnlich wie diese Kirchenzeitung – die Verbrechen von Politikern glorifiziert haben. Ich möchte hier nicht auf die Frage eingehen, aus welchen Gründen der Zweite Weltkrieg wirklich geführt wurde. Doch für die Kirchengeschichte ist die Reaktion von Theologen auf die Kreuzzugsideologie, wodurch  die Menschen für den Krieg motiviert worden sind, von Bedeutung. Es waren die durch und durch reformiert-chiliastischen Kreuzzugsemotionen, durch die die Kriegspropagandisten die Gläubigen in einen Heiligen Krieg, in den entscheidenden Endkampf für Christentum, Glaubensfreiheit, Demokratie und Zivilisation hineingetrieben haben. Und die Hüter der „reinen Lehre“ hatten jämmerlich versagt. Das ist umso schwerwiegender, da die Zahl der aktiven Pastoren und Professoren nicht durch den Kriegsdienst reduziert worden war. Die theologische Situation hatte entsetzliche Ähnlichkeit mit der Israels zur Zeit Jesajas: „Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne“ (Jes. 56,10).

Die WELS unterhält ein teures Schulwesen, um auch die säkularen Fächer von einem christlichen Blickwinkel aus zu unterrichten. Doch was soll all dieser Aufwand, wenn die inhaltliche Alternative auf das Nein zur Evolutionslehre beschränkt bleibt, sie ansonsten aber weitgehend fehlt? Ich weiß von einem Buch eines amerikanischen Katholiken, das die Verbrechen der amerikanischen Seite während des Krieges und vor allem nach dem Krieg sowie die von den USA zumindest tolerierten Verbrechen der sowjetischen Waffenbrüder beschreibt (Austin J. App: History’s most terrifying Peace, 1946). Doch WELS-Schulen, die der „reinen Lehre“ verpflichtet sind,  stellen die Kriegs- und Nachkriegsereignisse sogar noch heute in pharisäisch – scheinheiliger Schwarz-Weiß-Malerei dar. In Gesprächen mit ehemaligen Schülern von WELS-Schulen mußte ich erleben, daß in den Freimaurern Roosevelt und Truman keineswegs Verbrecher vom Kaliber eines Adolf Hitler gesehen werden. Viele wissen auch nicht, daß der Hunger nach der deutschen Kapitulation, der die Zahl der Beerdigungen erheblich ansteigen ließ, künstlich gemacht worden war und daß die Regierung der „good United States“ anfangs humanitäre Hilfe verboten hat. Aber über die Verbrechen Hitlers, die tatsächlichen und die von den Kriegspropagandisten erfundenen, wissen sie bestens Bescheid.

Auch in Deutschland waren die Gläubigen den Verführungen ihrer Zeit erlegen. Wie die Pharisäer die Prophetenmorde ihrer Väter verurteilt haben (Matth. 23,30), so hat sogar die Synode der häretischen SELK eine Dokumentation herausgegeben, in der die Sünden der freikirchlichen Väter gebrandmarkt werden. Doch in der „rechtgläubigen“? WELS geschieht offenbar nicht einmal das.

Sie werden sich sicher wundern, wie es möglich ist, daß ein Lutheraner die Geschichte seiner eigenen Kirche in so dunklen Farben malen kann. Doch schon die Bibel verheimlicht in ihren Berichten nicht das Ausmaß der Sünde, selbst bei den Glaubenshelden. Abraham und Isaak hatten in Ägypten versagt, Jakob war ein Betrüger, Juda ein Hurer, David  ein Ehebrecher und Mörder …

Ein Deutscher wie ich wird sogar von nichtchristlichen Politikern wiederholt ermahnt, der Sünden der Väter ständig zu gedenken. Im Unterschied, zu Amerika, wo es weder Gedenkstätten noch Gedenktage mit öffentlichen Gedenkveranstaltungen gibt, um an die Ausrottung der Indianer und an die Verbrechen an den Negersklaven zu erinnern, werden uns Deutschen immer wieder die Greueltaten der jüngsten Vergangenheit vor Auge gestellt. Schon in der Schule in Ostdeutschland hat man mir besonders die verbrecherischen Seiten der deutschen Geschichte gezeigt. Ein landeskirchlicher Pfarrer hatte mir (Jahrgang 1952) gesagt, daß ich an der Judenvergasung mit schuld sei. Das deutsche Staatsoberhaupt, Richard von Weizsäcker, wagt (wie in Luk. 18,l3) nicht, seine Augen aufzuheben gen Himmel, sondern er schlägt sich an seine Brust und spricht: Ihr friedliebenden Völker der Welt, seid uns Judenvergasern gnädig.

Ähnlich wie Weizsäcker hatten auch die Pharisäer Sündenerkenntnis, wenn es um die Sünden der anderen ging. So erkannten sie beispielsweise, daß der Ehebruch der Ehebrecherin Sünde ist (Joh. 8,1-11). Doch im Unterschied zum deutschen Staatsoberhaupt hatte Jesus die Pharisäer nicht in ihrer Selbstgerechtigkeit bestärkt. Er war vielmehr bemüht, auch sie in die Gemeinschaft der Zöllner, der Sünder, der Judenvergaser und aller anderen Missetäter hineinzunehmen, damit auch sie am Fuße des Kreuzes und am leeren Grab die metanoia (Buße, repentance) finden. Oder wird sie dort eventuell doch nicht gefunden? Betroffene Zöllner und Sünder müssen hier auf einer klaren und eindeutigen Antwort bestehen.

Die Gefahr, den Schmalen Weg zu verbreitern und Luthers Rechtfertigungslehre zu einem Ablaß für kleinere Sünden, die man in Zukunft begehen möchte, zu verfälschen, besteht auch noch auf einem anderen Gebiet. In der WELS wird recht unüberhörbar gegen Abtreibung gepredigt. Doch es ist weitgehend unbekannt, daß auch die Antibabypille nicht frei von jeglicher frühabtreibender Wirkung ist. Sie macht den Eisprung weniger wahrscheinlich, jedoch nicht absolut unmöglich. Die dennoch hohe Erfolgsquote beruht auch darauf, daß die Oberfläche des Uterus nicht ausreichend für die Aufnahme des kleinen Menschen vorbereitet ist, das unerwünschte aber bereits gezeugte Kind also umkommt. Somit könnte man den Gebrauch der Pille mit der Tat eines Jägers vergleichen, der wahllos in einen Park hineinschießt, obwohl er damit rechnen muß, daß er dadurch ab und zu einen Spaziergänger töten kann. Diese Wirkungsweise der Pille wird weitgehend verschwiegen, ist in der Fachwelt aber unumstritten. In einem beliebigen medizinischen Nachschlagewerk über die Wirkungsweise von Medikamenten kann man diese Fakten nachlesen. Der Hinweis auf diese unumstrittene Tatsache gehört auch zur Predigt über die christliche Heiligung.

In der Kirche Jesu Christi hat neben der Verkündigung der unverfälschten Heilsbotschaft auch das Verlassen des Schmalen Weges Tradition. Die Kontinuität des Unheils verläuft von den Prophetenmördern über die Gegner Jesu unter den Pharisäern, über die Verfälschung der lutherischen Rechtfertigungslehre zu einem Ablaß auch für solche Sünden, die man erst tun will, und über viele kirchenpolitische Intriegen. Dieser Unheilsweg hat in Westdeutschland zur Auflösung der lutherischen Kirche geführt.

Zusätzlich zu den bereits erwähnten Mißständen zeigen auch die Vorgänge um Reaching Out, daß innerhalb der WELS der Schmale Weg nicht nur in der Vergangenheit verlassen wurde, sondern daß von ihm auch noch heute abgewichen wird. Pastor Nuckolls hat am 8. Juni 1987 ein Papier mit dem Titel: „Stewardship in the New Testament“ vorgelegt. In diesem beleuchtet er von der Exegese her die Praxis von Reaching Out. Dabei kommt er zu einem vernichtenden Ergebnis. Inzwischen ist er aus der WELS-Pastorenschaft entfernt worden. Weshalb? Ist er ein Irrlehrer? Wenn Ja, was ist seine Irrlehre? Das sollten seine Gegner der unwissenden Öffentlichkeit zeigen. Oder ist er vielleicht deshalb aus der Pastorenschaft entfernt worden, weil man seine Bußpredigt nicht ertragen konnte?

Zur Zeit des Alten Testaments hatte man in der Stadt des Tempels, in Jerusalem, (Matth. 23,37) die unbequemen Bußprediger getötet. In apostolischer Zeit war es nicht viel anders, wie die Steinigung des Stephanus zeigt. An Pastor Beitz hatte man Rufmord begangen, indem man – unterstützt durch ein „Gutachten“ der Fakultät – ihm Irrlehre nachsagte. Nun hat man den Bußprediger Nuckolls aus dem Predigtamt entfernt.

Doch in der WELS besteht auch eine andere  Traditionslinie fort. Diese verläuft von den richtigen Propheten über Jesu Jünger und diejenigen unter den Pharisäern, die Jesus nachgefolgt sind, (Apg. 15,5), sie verläuft über lutherisch-orthodoxe Jesusnachfolger von der Art eines Paul Gerhardt, und sie existiert in der WELS fort. In der WELS sind somit beide Traditionslinien vereinigt. In der Bibel steht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert. Der Sauerteig ist sowohl falsche Lehre (Gal. 5,9) als auch falsches Leben (1. Kor. 5,6).

Die WELS steht nur einen Schritt vor dem tödlichen Abgrund, in den die lutherische Kirche Westdeutschland bereits hineingestürzt ist. Durch diesen Brief möchte ich Sie bitten, die WELS vor einem weiteren und womöglich letzten Schritt in die tödliche Richtung abzuhalten.

Eine Kopie dieses Briefes schicke ich an Pastor Trapp, der öffentlich behauptet hatte, es könnte unter bestimmten Umständen Sünde sein, mit Ihnen am gleichen Abendmahlstisch niederzuknien. Wenn notwendig, werde ich Kopien dieses Briefes noch an andere Personen schicken. Eine solche Notwendigkeit wird mit Sicherheit dann eintreten, wenn die Frage, ob repentance am Fuße des Kreuzes gefunden wird, unbeantwortet bleiben sollte.

Johannes Lerle

 

Übersetzung der englischen Zitate des Briefes vom 13.3.89

Gottes Botschaft an uns im Galaterbrief: Der Gerechte wird aus Glauben leben

Das Gesetz kann weder Rechtfertigung noch Heiligung wirken. Ja, es kann absolut nichts zur Rechtfertigung hinzufügen. Ja, es kann absolut nichts zur Heiligung hinzufügen, denn der GERECHTE WIRD AUS GLAUBEN LEBEN. Der GERECHTE – die Gläubigen, die Christen – WERDEN LEBEN – haben Leben aus GLAUBEN in IHN, der sie hat gemacht ‚gerecht‘. Der Christ ist geheiligt durch die gleichen Mittel, die ihn rechtfertigen. Wir finden LEBEN, beides, Rechtfertigung und Heiligung, am Fuße des Kreuzes.

Du wirst repentance (Buße, metanoia)) am Fuße des Kreuzes finden.

Schriftgemäß

 Ja, Luther selbst würde nichts dagegen haben, die Passionszeit als Bußzeit zu bezeichnen. Denn es ist am Fuße des Kreuzes, wo wir vor allem lernen, wie fürchterlich und strafwürdig unsere Sünden sind und zur gleichen Zeit, wie unendlich liebend und vergebend unser Heiland-Gott ist.

Die Buße wird am Fuße des Kreuzes gefunden.

Ganz gleich, ob die Suspensionen gerecht waren oder nicht, aber sie waren formell bestätigt bei drei unabhängigen Gelegenheiten durch eine Stimmenzahl (bei Abstimmungen) einer beträchtlichen Mehrheit und als solche verdienten sie, innerhalb der Synode als autoritativ anerkannt zu werden

In jedem einzelnen Fall wußten die Protes’tants, welche Brüder in Lehrzucht standen: und daß der Distrikt (richtig oder falsch) verbot unter Strafe von Suspension Kanzel- und Altargemeinschaft, und in jedem einzelnen Fall sie praktizierten ihre Kirchengemeinschaftsverbindungen in provokativer Weise.

Aktivitäten für Freiheits-Anleihen

Northestern Lutheran – Gemeindeblatt der WELS

guten Vereinigten Staaten

das beste Land in der Welt

wie Tausende anderer mit tiefen norwegischen Wurzeln, in Amerika als auch in anderen Ländern, hat er als Freiwilliger gekämpft, als das Licht der Demokratie in Europa flackerte und verlöschte. Viele von ihnen gaben ihr Leben für die Sache unserer Freiheit. Wir sind ihnen allen zu tiefem Dank verpflichtet.

Gemeindeblatt der ELS, einer amerikanischen Schwesterkirche der WELS

Austin J. App: History’s most terrifying Pease – Ich verfüge über eine Kopie einer deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1950, die den Titel trägt:. Der erschreckendste Friede der Geschichte, Salzburg 1950.

Ein Sonderopfer in der WELS

Haushalterschaft im Neuen Testament

 

Nachtrag zum Brief an den Präses der WELS

Verfaßt im Juni 2009

In den zwanzig! Jahren nach der Absendung des obigen Briefes an den Präses der WELS kam keine Antwort. Die Frage, ob die metanoia (Lutherübersetzung: Buße) allein durch das Gesetz oder aber auch durch das Evangelium gewirkt wird, bleibt somit unbeantwortet. Dabei legt man in der WELS angeblich größten Wert auf die Reinheit der Lehre. Als ich einmal in der Ausbildungsstätte der WELS fragte, was die gärtnerisch aufwendig gepflegte Seminaranlage dazu beiträgt, daß Menschen zu ihrem Heiland finden, antwortete mir Prof. Schuetze: Die Leute würden sonst denken: „If they don’t care about their Seminary, they don’t care about Doctrine either“ (Wenn sie sich nicht um ihr Seminar kümmern, dann kümmern sie sich auch nicht um die Lehre). Also: Die Seminaranlagen müssen aufwendig gepflegt werden, damit die Leute den Eindruck gewinnen, daß man den Inhalt der Lehre wichtig nimmt. Viel Fassade und wenig dahinter – das ist der Geist, dem wir überall in der Welt begegnen. So ist z. B. der Bankberater bestens gekleidet. Denn wenn er sich schon wie ein Lump verhält, indem er den Leuten irgendwelche Schrottpapiere, die für die Bank eine besonders hohe Provision abwerfen, als „absolut sichere Geldanlage“ andreht, dann soll er wenigstens nicht aussehen wie ein Lump. Mit Millionen Werbemitteln hatte die Bundesregierung den Pfusch des Transrapid verdeckt. Dieser Pfusch im Sicherheitsbereich kam an die Öffentlichkeit, als ein Zug in einen Werkstattwagen raste und als Folge davon etliche Arbeiter starben. Die Millionen Werbemittel wären besser in die Sicherheit investiert worden. Auch bei unseren Politikern kann einer schöner reden als der andere. Dadurch verdecken sie ihre große Unfähigkeit oder kriminelle Energie oder beides, mit der sie uns in die Wirtschaftskrise, den Staatsbankrott und den bereits laufenden Dritten Weltkrieg mehr und mehr hineinführen. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Viel Fassade und wenig dahinter, so geht es überall in der Welt zu. So war es schon bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, denen Jesus vorwirft: „Ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat. So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit“ (Matth. 23,27f).

Wie die übertünchten Gräber zur Zeit Jesu, so sieht auch die Anlage des Theologischen Seminars der WELS hübsch aus. Diese äußerliche Schönheit sowohl der Gräber als auch der Seminaranlage ist ohne jegliche Relevanz für das Seelenheil. Nicht belanglos für das Seelenheil ist aber die Frage, wodurch die Buße gewirkt wird. Denn der Ruf zur Buße ist Inhalt der christlichen Verkündigung (Luk. 5,32, Apg. 17,30). Doch in dieser Frage herrscht in der WELS ein Lehrdurcheinander. Viel Geld wird für die gärtnerische Pflege der Seminaranlage eingesetzt, um den Eindruck zu vermitteln, daß der Verkündigungsinhalt wichtig genommen werde. Fragt man aber nach dem Zentrum dieser Verkündigung, dann muß man feststellen, daß es sich um eine Geheimlehre handeln muß, über die keine Auskunft erteilt wird, besonders dann nicht, wenn man ankündigt, daß man Kopien einer schriftlichen Lehrauskunft in alle Welt verschicken will.

Wie im Brief an Präses Mischke angedeutet, habe ich um das Jahr 1990 Kopien dieses Schreibens an alle Pastoren der Evangelisch-Lutherischen Freikirche (ELFK) geschickt. Deren damaligen Präses, Pastor Gerhard Wilde, sprach ich auf das Lehrdurcheinander innerhalb der WELS an. Er antwortete mir, daß das mein Problem mit der WELS sei. Ihn ginge das nichts an. Das Lehrdurcheinander in einer Schwesterkirche, mit der man angeblich in der Lehre übereinstimmt, geht niemandem in der Freikirche etwas an? Wie ist das möglich?

Die Lutherische Freikirche formierte sich, als um das Jahr 1870 sächsische Lutheraner ihre Landeskirche wegen falscher Lehre, vor allem wegen der Bibelkritik, verließen. Seither gehört es zum freikirchlichen Verständnis, daß Kirchengemeinschaft die Einheit im Glauben voraussetzt. Immer wieder wurde in der Freikirche Röm. 16,17 zitiert, wo es in der Lutherübersetzung heißt: „Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, daß ihr achtet auf die, die Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von ihnen“. Weil man von den Irrlehrern wich, deshalb hielt man sich getrennt von den Landeskirchen und sogar von der Ev. – luth. (altluth.) Kirche, die später in der SELK (Selbständige Evangelisch Lutherische Kirche) aufgegangen ist. 1947 wurde die Kirchengemeinschaft zwischen der Ev. – Luth. Freikirche und der Ev. – luth. (altluth.) Kirche errichtet. Als gemeinsames Lehrdokument dienten die „Einigungssätze“. In ihnen wurde zwar die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift bezeugt, aber anders als die Lutherischen Bekenntnisschriften enthalten die „Einigungssätze“ keinerlei Verwerfungen. Diese Tatsache kann man in der Weise mißverstehen, daß die Irrtumslosigkeit der Bibel lediglich eine akzeptierte Lehrmeinung neben der bibelkritischen Auffassung sei. Der westdeutsche Teil der Freikirche und der westdeutsche Teil der altlutherischen Kirche fusionierten mit der nur in Westdeutschland bestehenden SELK. Doch die Bibelkritik war nicht überwunden, sondern wurde lediglich übertüncht. Doch je mehr dieses Krebsgeschwür wucherte, um so schwerer war es zu übersehen. In den 70er Jahren war es sowohl im SELK-Schrifttum als auch bei persönlichen Kontakten erkennbar. Doch dafür stellte man sich in der Freikirche blind. Die Freikirche stand sowohl mit der SELK als auch mit der WELS in Kirchengemeinschaft und erhielt von beiden Kirchenkörpern Finanzen. Die WELS, die keine Kirchengemeinschaft mit der bibelkritischen SELK pflegte, wollte Klarheit; aber in der Freikirche wollte man beide Kühe melken. Letzten Endes ließ sich für die Freikirche eine Entscheidung nicht länger vermeiden. Man entschied sich gegen die SELK und gegen die altlutherische Kirche, die es damals in der DDR noch gab. Den Gemeinden sagte man, daß der Gehorsam dem Gotteswort gegenüber diesen Bruch mit den beharrlichen Irrlehrern zur Folge habe.

In der Tat lehrt das Gotteswort, daß es ohne Einigkeit im Glauben keine Kirchengemeinschaft geben darf. Doch die massiven Verfälschungen des Gotteswortes wurden lange übersehen und wurden erst dann offenbar, als die WELS den Geldhahn zudrehen wollte. Mit einmal ist Irrlehre kirchentrennend – aber nicht jede Irrlehre, sondern nur die Irrlehren in der SELK. Das Lehrdurcheinander in der WELS, ob die metanoia (Lutherübersetzung: Buße) allein durch das Gesetz oder aber auch durch das Evangelium gewirkt werde, gilt nicht als kirchentrennend, so wie die Bibelkritik in der SELK früher nicht als kirchentrennend galt. Ob kirchentrennende Irrlehre wahrgenommen wird oder nicht, hängt somit davon ab, wie man es braucht.

Das ist ebenso, wie es in der Politik gang und gäbe ist. Für Demokratie, Menschenrechte und Glaubensfreiheit zog die US-Armee gemeinsam mit Stalin in den Krieg gegen Hitler. Daß es an diesen hehren Idealen auch bei den sowjetischen Waffenbrüdern mangelte, wurde von der amerikanischen Presse, die in erster Linie der Volksverdummung dient, verschwiegen. Während die Hitlerverbrechen durch viele Lügen aufgebauscht wurden, wurden die eigenen Kriegs- und Nachkriegsverbrechen und die der sowjetischen Waffenbrüder verheimlicht. Doch das änderte sich, als 1947 der Kalte Krieg gegen die Sowjetunion begann. Da erfuhr alle Welt, was eine „Befreiung“ durch die Rote Armee in Wirklichkeit bedeutet.

Menschenrechtsverletzungen sind ein Kriegsgrund – Menschenrechtsverletzungen sind nicht erkennbar: wie man es braucht. Irrlehre ist kirchentrennend – Irrlehre kann nicht festgestellt werden: wie man es braucht. Die in der Tat faustdicken Irrlehren in der SELK gelten berechtigterweise als kirchentrennend, nicht aber das Lehrdurcheinander in der WELS, das in der Freikirche niemand zur Kenntnis nehmen will, wie das politische Amerika die Menschenrechtsverletzungen der sowjetischen Waffenbrüder nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Die Parallele zur Politik soll verdeutlichen, wie sehr der Weltgeist der Scheinheiligkeit und der Heuchelei in das kirchliche Leben eingedrungen ist, so daß es in der Gemeinde erschreckend ähnlich zugeht wie in der Welt, der Unterschied von Gemeinde und Welt somit dahinschwindet.

In dem an die freikirchlichen Pastoren verschickten Brief an den Präses der WELS wurde auch folgende Ungeheuerlichkeit eines WELS-Pastors zitiert, ohne daß dies in der Lutherischen Freikirche einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst hätte: „Whether or not the suspensions (von Beitz Sympathisanten) were just, though, they were approved formally on three separate occasions by the vote of a considerable majority, and as such deserved to be recognized as authoritative within synodical membership“ (Ganz gleich, ob die Suspensionen gerecht waren oder nicht, aber sie waren formell bestätigt bei drei unabhängigen Gelegenheiten durch eine Stimmenzahl [bei Abstimmungen] einer beträchtlichen Mehrheit, und als solche verdienten sie, innerhalb der Synode als autoritativ anerkannt zu werden). Nicht, ob die Suspensionen gerecht, nicht, ob sie (so ein anderes Zitat im gleichen Brief an den Präses der WELS) richtig oder falsch sind, sei entscheidend, sondern daß sie von irgendwelchen Entscheidungsträgern rechtskräftig beschlossen worden sind. Diese Entgleisung ist schlimmer als das Papsttum zu Rom. Denn der Papst begründet seinen Unfehlbarkeitsanspruch mit einer besonderen Führung Gottes, die an den Inhaber des Papstamtes gebunden sei. Von daher seien Fehlentscheidungen ausgeschlossen. Doch die im Brief an den Präses der WELS zitierten Entgleisungen räumen die Möglichkeit von Fehlentscheidungen ein. Doch nicht die eventuelle Unvereinbarkeit mit dem Gotteswort sei entscheidend, sondern die Rechtskraft, mit der irgendwelche kirchliche Institutionen ihre Fehlentscheidungen versehen haben. Also: Nicht das Gotteswort sei entscheidend, sondern die Rechtskraft menschlicher Entscheidungen. Wenn schon das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet ist (was nach lutherischer Lehre der Fall ist), dann ist solch ein Papsttum, das sogar eingeräumten Fehlentscheidungen Rechtskraft verleihen kann, erst recht vom Teufel gestiftet. Behauptet irgendein Scharlatan in Rom von sich, der Vertreter Christi zu sein, so erheben sich WELS-Gremien ganz offen über Jesus Christus, indem sie die Beachtung ihrer womöglich ungerechten und falschen Entscheidungen fordern. Das bedeutet: In der Übersteigerung des amerikanischen Demokratiefimmels wird der König Jesus Christus als Oberhaupt der WELS verworfen und durch irgendwelche demokratisch legitimierte Entscheidungsgremien ersetzt.

Die entlarvenden Zitate stammen von einem WELS-Pastor. Warum war in der WELS niemand über diese Entgleisungen erschrocken? Wie ist es möglich, daß es keinen Aufschrei des Entsetzens auslöst, wenn Christus faktisch als König verworfen wird? In Amerika und Deutschland hat man jahrelang Theologie studiert wie die Schriftgelehrten und Pharisäer zur Zeit Jesu. Soweit man es nicht schon verlernt hat, kann man auch mit den Paragraphen der rechtgläubigen Dogmatikbücher jonglieren. Es ist ähnlich, wie ein Schüler mit Sinus und Cosinus hantiert, ohne daß es ihn auch nur interessiert, was ein Sinus und ein Cosinus überhaupt ist. Ebenso war bzw. ist Christus sowohl den Theologen zur Zeit Jesu als auch heute in der WELS und in der Lutherischen Freikirche unbekannt. Denn sonst wüßte man, daß er die Königsherrschaft für sich beansprucht. Man schwafelt über die richtigen Dogmen. Man grenzt sich dann – und nur dann – von tatsächlichen Irrlehrern ab, wenn es kirchenpolitisch erforderlich zu sein scheint. Doch um Christus und den Heilsweg geht es nicht wirklich. Wird das Zentrum des Glaubens, und zwar die Königsherrschaft Jesu im persönlichen Leben und im kirchlichen Leben, faktisch verworfen, so stört das nicht weiter und ist auch nicht gegen die Einheit im Glauben gerichtet. Wird die Frage, wodurch die Sünder zu ihrem Heiland umkehren, ob allein durch das Gesetz oder auch durch das Evangelium, nicht oder falsch beantwortet, so berührt auch das nicht die Gemeinsamkeit des Glaubens. Denn weder in der WELS noch in der Freikirche geht es wirklich um das Seelenheil, noch geht es um die Frage, wodurch wir Sünder es erlangen. Das bedeutet: Die Pfaffen nehmen ihr eigenes Geschwafel ebensowenig wichtig wie die Politiker ihr Geschwafel von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Viel Fassade und wenig dahinter – so geht es überall in der Welt zu. Doch die Gemeinde Gottes sollte sich nicht der Welt gleichstellen, sondern sich vielmehr von der Welt unterscheiden. Deshalb darf die Frage nicht unbeantwortet bleiben, ob der Sünder, der die Hölle vor sich hat, den Jesus aber zur metanoia (Buße) aufruft, ob er diese Umkehr allein durch das Gesetz, oder aber auch durch das Evangelium erlangt.

 

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