Wo findet sich diese Aussage des athanasianischen und nicänischen Glaubensbekenntnisses in der Bibel? Als Antwort erhält man, daß Jesus in seinen Abschiedsreden seinen Jüngern verspricht, den Geist der Wahrheit zu senden, „der vom Vater ausgeht“ (Joh. 15,26). Durch den Hinweis auf die beiden Aussagen, daß der Heilige Geist vom Vater ausgeht und daß Jesus ihn sendet, wird leicht übersehen, daß für dieses Detail, daß der Heilige Geist auch vom Sohne ausgeht, von niemandem eine Bibelstelle genannt wird. Daß der Heilige Geist auch vom Sohne ausgehen soll, wird durch folgende Tatsachen schwer verständlich: Jesu Mutter wurde schwanger vom Heiligen Geist (Matth. 1,18; Luk 1,35). Bei Jesu Taufe fuhr der Heilige Geist auf ihn hernieder in leiblicher Gestalt wie eine Taube (Luk. 3,22). Und bei der Versuchung Jesu heißt es: „Jesus, voll Heiligen Geistes, kam zurück vom Jordan und wurde vom Geist in die Wüste geführt“ (Luk. 4,1). Und so war ursprünglich im Nicänischen Glaubensbekenntnis nur davon die Rede, daß der Heilige Geist vom Vater ausgeht, und so ist es in der Ostkirche bis heute geblieben. Erst im 11. Jahrhundert wurde das Nicänum in der Westkirche erweitert. Die Reformation hat daran nichts geändert. Denn Luther wollte durch seinen Thesenanschlag in lateinischer Sprache lediglich den Mißstand des Ablaßhandels korrigieren. Doch der Papst wollte auf diese Einnahmequelle nicht verzichten. In der Folge wurde das Papsttum als solches abgelehnt. Und damit kam vieles ins Rutschen, aber nicht alles. So blieben die drei altkirchlichen Glaubensbekenntnisse unangetastet. Wenn Päpste und Konzilien irren können, was soll dann das Fundament des Glaubens sein? Dem Luther blieb nichts anderes übrig, als zu lehren „allein die Schrift“. Ob er das selbst geglaubt hatte, ob das wirklich seine tiefste Überzeugung war, ist eine andere Frage, die hier nicht behandelt werden soll. Das filioque ist vergleichbar mit Mariä Himmelfahrt, was ein sehr altes Glaubensgut der römischen Kirche ist. Wenn Henoch und Elia lebendig in den Himmel aufgenommen wurden, warum nicht auch Jesu Mutter, zumal es von ihr keine Reliquien gibt? Wenn auch ihre Heiligkeit – sie war begnadet (Luk. 1,28) – derartiges vermuten lassen mag, so fehlt für diese Lehre eine eindeutige Bibelaussage. So wie wir nicht wissen, ob Maria leiblich in den Himmel aufgenommen wurde, so wissen wir auch nicht, ob der Heilige Geist auch vom Sohne ausgeht. Aber die Kirchen, die aus der Reformation hervorgingen, haben diese Lehre beibehalten. Folgende Gründe werden genannt: Es gibt kein Heil und keine Erlösung außerhalb des Erlösers Jesus Christus, zumal Jesus selbst vom Geist der Wahrheit sagt: „Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen (Joh. 16,14). Die Ostkirche hat das filioque nicht übernommen, da sie empfand, daß dadurch der Heilige Geist dem Sohne untergeordnet und seine Freiheit durch die Bindung an Christus eingeschränkt werde. Auch die Ostkirche betont die Beziehung zu Christus, aber sie will auch daran festhalten, daß es einen unmittelbaren Weg des Geistes zum Vater gibt. Dadurch bleibt ein Weg blühender Mystik offen, die ein Weg von unten nach oben ist, vom Menschen zu Gott, nicht ein Weg der Gnade Gottes zu uns.
Bei dem für und wider des filioque geht es also um unterschiedliche kluge Gedanken. Die Reformierten denken in theologischen Systemen und biegen die einzelnen Bibelworte so zurecht, daß sie ihr System stützen. Dieser Weg wird auch offen gerechtfertigt. So schreibt Bullinger (1504-1577), der Verfasser einer reformierten Bekenntnisschrift: „Wo es die Sinnlosigkeit nicht aus Gründen der Vernunft, sondern der Frömmigkeit, der Widerspruch mit den Schriften und den Artikeln des Glaubens erzwingt, sagen, bekräftigen und behaupten wir, daß es fromm, ja notwendig ist, vom Buchstaben und der Einfachheit der Worte zu weichen“ (zitiert in Ernst Koch, Die Theologie der Confessio Helvetica posterior, Neukirchen 1968, S. 301). Auch Ebrard (1818-1888) rechtfertigt das Mittel der „systematischen Deduction“, um die Lehre zu entfalten (Johannes Lerle, Grundzüge der Theologie Ebrards, Erlangen 1988, S. 72 und 211f). Die hier referierten Gedanken zum filioque wurden einem Vortrag (https://www.youtube.com/watch?v=9fOjYUDqoso&t=6964s, ab Zählerstand 2.21.00) am Reformatorisch-Theologischem Seminar Heidelberg (Reformationstag 2025) entnommen. Der Referent hatte nicht angedeutet, daß er das filioque für problematisch halten könnte. Es ergibt sich aus seinem Lehrsystem kluger Gedanken. Die theologischen Lehrsysteme kann man unterschiedlich gestalten; folglich ist reformierte Theologie keineswegs einheitlich. Dagegen ist lutherische Theologie einheitlich, und wir sollen meinen, daß das daran läge, daß die Glaubenslehren direkt der Bibel entnommen seien im Unterschied zur reformierten Theologie, die sie auch deduktiv aus ihrem angeblich der Bibel entnommenem theologischen System schlußfolgert. Und so sieben „gute Lutheraner“ Mücken falscher Lehre aus, während sie die Kamele der Bibelkritik verschlucken, die von den Lutherischen Bekenntnisschriften angeblich nicht verworfen werden. Denn bei den mit Mücken vergleichbaren Schibboleths geht es um unsere Identität als Lutheraner. Das bedeutet, daß wir in dem Sinne Lutheraner sind, wie die Korinther paulisch oder apollisch waren (1. Kor. 3,4). Daß die lutherische Lehre einheitlich ist, liegt an dem Wittenberger Papst. Die bloße Behauptung „Luther hat gesagt“ läßt in manchen Kreisen einen Schriftbeweis als verzichtbar erscheinen. Durch die vielen Generationswechsel änderte sich allmählich auch die lutherische Lehre, und es bildeten sich Lehrunterschiede heraus. Da der Wittenberger Papst tot ist, kommt es zu Kirchenspaltungen. So hat sich die ELFK (Evangelisch-Lutherische Freikirche) gespalten. Die „lutherische“ Lehre ändert sich allmählich. So drang der Chiliasmus in lutherische Glaubensgemeinschaften ein; außerdem baptistische Entscheidungstheologie. Aber Neugeborene werden auch weiterhin getauft, denn man ist „Lutheraner“, und die Säuglingstaufe ist ein identitätsstiftendes Schibboleth lutherischer Tradition.
Mir fiel folgendes Buch in die Hände: M. Schneckenburger: Vergleichende Darstellung des lutherischen und reformirten Lehrbegriffs, Stuttgart 1855. Darin erklärt der Verfasser den Unterschied von lutherischer und reformierter Lehre als Unterschied von verschiedenen theologischen Systemen. Es ist zu befürchten, daß der Verfasser Recht haben könnte, daß auch Lutheraner durch kluge Gedanken zu Lehraussagen kommen und nicht allein durch die Schrift. Dieses Fehlverhalten ist mit Ehebruch vergleichbar. Während die 68er Chaoten skandierten: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, lehren alle christlichen Glaubensgemeinschaften: „Du sollst nicht ehebrechen“. Doch wie die Sünde des Ehebruchs in jeder Glaubensgemeinschaft vorkommt, so weichen auch Lutheraner von dem Grundsatz „allein die Schrift“ ab, wenn sie das Gotteswort ihrer menschlichen Klugheit anpassen. Das filioque, daß der Heilige Geist auch vom Sohne ausgeht, hat lange kirchliche Tradition. Sowohl der Papst in Rom, als auch der Papst in Wittenberg, als auch die anderen Reformatoren haben es einmütig bekannt, und es ergibt sich auch aus den klugen Gedanken der hochstudierten Theologen, die sich ihre große Gelehrsamkeit gegenseitig bescheinigen. Lediglich ist nirgendwo zu erfahren, wo das filioque in der Bibel steht.